| Reportage

Vogelberingung auf der Deponie Weyhe-Leeste

Ein Detailbild von einem Vogel in einer Hand, der beringt wird.
"Boxenstop" für den Piepmatz: Innerhalb weniger Sekunden ist der Ring angebracht.

Deponien können in ihrer aktiven Phase durch den Platzbedarf und dem höheren Lärmaufkommen eine Belastung für die hiesige Flora und Fauna sein. Umso wichtiger ist es uns, die Fläche nach der Deponiestilllegung wieder der Natur zu übergeben und einen Ausgleich für die jahrelange Nutzung zu schaffen. Prominentes Beispiel ist der Utkiek in Bassum, ein rekultiviertes Naherholungsgebiet. Auch in Weyhe-Leeste befand sich eine Deponie des Abfallunternehmens, auf der bis in die 80er-Jahre hinein Abfälle eingelagert wurden. Seit der Stilllegung mauserte sich die Fläche zu einem Habitat für Vögel – und zum Paradies für die Vogelforschung. In Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Helgoland finden dort seit Herbst Vogelberingungen statt.

In Weyhe-Leeste ruft der Berg. Oder besser: er zwitschert. Die ehemalige Deponie am Rodendammgraben ertönt in abwechslungsreichem Vogelgesang. Dabei herrscht am Himmel doch kein Flugverkehr? „Die Geräusche kommen aus unseren Klangattrappen“, klärt Jonas Jäschke auf. Das Vorstandsmitglied des Naturschutzbunds (NABU) Weyhe und Mitglied der Vogelwarte Helgoland hat mit seiner Gruppe Stellung auf dem stillgelegten Gelände bezogen. Auf einem Tisch liegen Bücher über Vogelkunde, Lineale und diverse Werkzeuge, die für eine Vogelberingung notwendig sind.

 

Der Kontakt zur AWG Bassum entstand im Herbst vergangenen Jahres. „Wir hatten ein angrenzendes Beweidungsprojekt. Als das Feld für Rinder umgenutzt wurde, hielten wir Ausschau nach einer neuen Fläche für unsere Forschungsarbeiten“, schildert Jäschke. Schnell fiel der Blick auf die benachbarte Deponie, die sich vor allem durch ihre Insellage auszeichne. „Bedingt durch die vielfältigen Strukturen und Nahrungsmöglichkeiten, in Verbindung mit der reduzierten menschlichen Störung, herrscht hier eine besonders hohe Dichte an Vögeln.“

 

Zudem sei die Deponie mit ihrer etwa 16 Meter hohen Erhebung sehr gut strukturiert und biete verschiedene Habitat-Typen. „Die großflächig vorhandenen Brombeersträucher bieten paradiesische Zustände für Vögel. Gerade Grasmücken, die sich auf den Weg über die Sahara oder den Mittelmeerraum machen, können sich hier wie in einem Schlaraffenland vollfressen und dann ordentlich Strecke machen“, schwärmt Jäschke. Eben jene paradiesischen Zustände sollen bis zum Ende des Jahres zu rund 2000 Fängen führen. Die Zeichen stehen gut, schon jetzt konnten auf der Deponie und der angrenzenden Leester Marsch 65 Arten beringt und 1641 Fänge verzeichnet werden. Darunter auch ein Gelbbrauenlaubsänger. „Deren Aufkommen kann man im Landkreis an einer Hand abzählen“, berichtet Jäschke stolz. Rund 300 Meter Netze wurden gespannt. „So genannte Japan-Netze, die sich besonders für den Fang kleiner Singvögel eignen“, schildert der ehrenamtliche Vogelforscher. Zuletzt wurden Netze in einem Schilfgebiet aufgebaut. Gerade für die Monate August bis Oktober hofft die Gruppe darauf, dass Rohrsänger ins Netz gehen. In den schilfbewohnenden Arten wie Rohrammern sitze das größte Potenzial. Kreuzt ein Vogel die Netze, verfängt er sich in kleinen Netztaschen. Zu Schaden kommen die Tiere dabei nicht. „Größere Vögel wie Fasane sitzen sogar nur kurz in der Tasche und befreien sich von selbst“, sagt Jäschke. Am Abend werden die Netze an den Teleskopstangen eingefahren, damit sich kein Vogel ungewollt verfängt.

 

 

 

„Wir haben einen“, erschallt es plötzlich, und einige Gruppenmitglieder laufen zu den Netzen. Ein Rotkehlchen hat sich verfangen. Behutsam wird der Piepmatz in einen kleinen Stoffbeutel gegeben. Für das Tier sei dies die stressfreieste Transportmöglichkeit. An der Beringungsstation angekommen, wird zunächst der nummerierte Ring dokumentiert, der künftig das zierliche Bein des gefiederten Freundes schmücken wird. Anschließend holt Jonas Jäschke tief Luft und bläst unter das Gefieder, um einen Blick auf den Körper werfen zu können. „Auf diese Weise kann ich Aussagen über die Kondition des Vogels treffen.“ Innerhalb der nächsten rund 60 Sekunden erfolgt eine Geschlechts- und Altersbestimmung, werden Maße zur Flügel- und Teilflügellänge genommen und die Muskel- und Fettwerte sowie das Gewicht festgehalten. Dass der kleine Flattermann nach der Untersuchung ohne Abschiedsgrüße von dannen zieht, sei ihm verziehen.

 

 

Ob das Rotkehlchen sich dem Wert der ungewollten Stippvisite bewusst ist, kann bezweifelt werden. Aber für die Vogelkunde waren die 60 Sekunden sehr gut investierte Zeit. So sind die Beringungsarbeiten wichtig, um Rückschlüsse auf die Flugrouten und Lebensräume der Vögel ziehen zu können. „Über Beringungen wurde beispielsweise herausgefunden, dass ein Teil der deutschen Vogelpopulation nicht mehr in den Mittelmeerraum fliegt, sondern eher in Richtung Großbritannien, weil sie dort in den Gärten über den Winter gefüttert werden“, erklärt Jäschke. Auch die Folgen des Klimawandels seien nachweisbar.

Einige Vögel würden früher zurückkehren - oder gar nicht. Durch die wärmeren Temperaturen entwickelten sich Raupen früher und stünden dann für Langstreckenzieher nicht mehr als Futter zur Verfügung. Und dann wäre da noch der ideelle Wert des Ehrenamtes in Form des Einsatzes. Nach der Beringung müssen alle Daten ins offizielle Register der Vogelwarte übertragen werden. Abschließend verweist Jäschke auch auf die zu stemmenden Kosten. Der NABU Weyhe habe ein Teil der Netze mit 1500 Euro gesponsert. „Noch einmal gut 1000 Euro haben wir für Klangattrappen und Teleskopstangen aus privaten Mitteln beigesteuert.“

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